Unsere Blicke gehen nach oben und versuchen das ganze Gebäude zu betrachten: zierliche Türmchen, grauenvolle Wasserspeier, elegante Kuppeln, massive Mauern und Spitzen, die in den Himmel ragen. Und überall kunstvoll behauenes Steinwerk, mal barock verspielt, mal gotisch elegant.
Durch die kleine Türe, im riesigen, mit kunstvoll gearbeiteten Eisenblumen beschlagenen Eingangstor, betreten wir die Kathedrale. Kühle und ein alter Duft nach Stein und Holz umgibt uns.
Wieder gehen unsere Blicke in die Höhe und versuchen die Größe, Weite und Höhe des Raumes zu begreifen. Schlanke Säulen scheinen in den Himmel zu wachsen. Sie bündeln sich in anmutigen Rundbögen. Die Symmetrie, die sich immer wieder wiederholenden Linien und die gesamte Architektur strahlen Kraft und Schönheit aus. Ein Gebäude, gebaut für die Ewigkeit.

Angeschlossen an die Seitenschiffe befinden sich unzählige Kapellen, jede einem anderen Heiligen, Märtyrer oder einem gut betuchten Menschen gewidmet. Kunsthandwerk aus Jahrhunderten, Reliquien in Gold und Altäre in noch mehr Gold.
Gräber in allen Größen und aus allen Zeiten, in Wandnischen, im Boden, aufgebahrt. Aus groben und fein bearbeiteten Steinen und in Glassärgen. In den zugehörigen Wandbehängen und großformatigen Leinwänden wird die jeweilige Geschichte aufgegriffen. Blutrünstig und an Höllenqualen leidend; lieblich und jungfräulich; unschuldig und rotbackig; ritterlich und bescheiden; mit Echthaar und Dornen aus Stein, Holz und Draht; mit Kleidung aus Samtstoffen und fein geklöppelter, schon etwas vergilbter Spitze für die lebensgroßen Nachbildungen der Angebeteten.
Immer wieder gehen die Blicke in die Höhe, in denen die Laternen auf den Kuppeln helles Tageslicht auf die, bis ins kleinste Detail bemalte, und mit Steinarbeiten verzierten Decken wirft. Steinerne, zu Sternen ausgearbeiteten Rundbögen decken und die ovalen Kuppeln wechseln sich ab.

Im Mittelschiff der prächtig gearbeitete Chor, aus über die Jahrhunderte dunkelgefärbte und fein geschnitzte Holz. Darüber die sich gegenüberliegenden Prachtorgeln, auch wieder in Gold, bemalt und stumm an diesem gewöhnlichen Tag. Dicke Wälzer mit in Leder gebundenem, grau beigefarbenem Pergament und darauf schwarze Noten in alter Kursivschrift stehen in der Mitte und scheinen nur auf den nächsten singfreudigen Menschen zu warten.

Das Kreuzgewölbe wird von den bleigefassten Buntglasscheiben in sanftes Licht getaucht und der stille Gang lädt zum stillen Spaziergang ein. Derweil verweilen die Blicke auf den Wandbehängen, auf denen wir auch Einhörner und Drachen als Reittiere der illustren Gesellschaft entdecken.
Goldene, mit Edelsteinen besetzte Kelche aus allen Zeiten präsentieren den Reichtum, den Ablasshandel und die Macht der Kathedrale genauso wie der Raum, der von Boden bis Decke mit den Bischöfen und Amtsträgern auf großen Leinwänden behängt ist. In königlich roten Roben, mit vielen Ringen, Ketten und weiterem Schmuck gemalt, strahlen sie Macht und Wohlstand aus.
Wir lassen die kühlen Räume hinter uns, erschlagen von der Schönheit der Architektur, der Menge an Gold und Heiligtümern, nachdenklich über die Wünsche des Menschen. Die einen such(t)en Vergebung, Begleitung, Sicherheit; die anderen such(t)en Macht, Reichtum, Überlegenheit. Gefunden werden kann vermutlich beides auf die eine oder andere Weise an diesem Ort.
